Jahreskonzert 2017 25./26. November "Messa per Rossini" Enorme Herausforderung mit Bravour bewältigt

Giuseppe Verdi (1813-1901) Bild: Wikipedia

 

Große Ausschnitte aus der Rezension von Jan Renz (Kreiszeitung Böblinger Bote):

Die Aufführungen der "Messa per Rossini" ein Gemeinschaftswerk von 13 italienischen Komponisten, ein monumentaler Wurf.

Die Idee hatte Giuseppe Verdi: Zum ersten Todestag Gioacchino Rossinis im Jahre 1869 sollte ein Verbund namhafter italienischer Komponisten eine Messe schreiben. Die Musik kam zustande, aber nicht die Aufführung. Erst Helmuth Rilling ist die Premiere zu verdanken: 1988 leitete er die Uraufführung in Stuttgart mit der Gächinger Kantorei. [...] 

Der Schönaicher Dirigent Michael Kuhn, der immer wieder auf ungewöhnliche Werke setzt, hat nun diese Messe ausgegraben. Der Chor der Johanneskirche und die Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach haben das Requiem am Wochenende zweimal in Sindelfingen aufgeführt. [...]

Man erlebte am Wochenende viele Farben, ganz unterschiedliche Formen und einen hellwachen Chor der Johanneskirche, der wie üblich von Mitgliedern des Chores der St. Pauluskirche (Einstudierung: Franz Neubauer) unterstützt wurde. Hier war intensiv geprobt worden.

Die tiefen Männerstimmen formulieren das "Requiem", eindringliche Frauenstimmen treten hinzu. Schon dieser Einstieg aus der Feder von Antonio Buzolla ist opernhaft-dramatisch. Im "Kyrie" erlebt man anspruchsvolle Vielstimmigkeit. Das wird später überboten: Im "Amen" von Carlo Coccia hört man eine strahlende Fuge, die der große Chor eindrucksvoll meistert, einer der vielen Höhepunkte der Aufführung.

Das Blech des Orchesters darf im "Tuba mirum" von Carlo Pedrotti auftrumpfen, kein Wunder, hier ist im Text auch von einer "Posaune" die Rede. Markant sang in diesem Abschnitt der Bass Ulrich Wand. Man hörte es immer wieder: Es ist Musik aus Italien, und es ist opernhafte Musik. Im "Ingemisco" von Alessandro Nini fiel das angenehme Timbre des Tenors Reto R. Rosin auf. Sehr gefordert war der spannungsreiche Sopran von Catherine Swanson.

Der große Chor brachte das Kunststück fertig, Klanggewalt mit Behutsamkeit zu verbinden. Ständig wechseln der Charakter und die Tempi der Musik. Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert. Zu großer Prachtentfaltung kommt es im Abschnitt "Sanctus-Hosanna", den Pietro Platania vertont hat. Da wähnt man sich schon im Finale der Messe.

Im "Agnus Dei" (Lauro Rossi) hört man dann aber neue Farben, ganz delikat klingt die Vogtland Philharmonie, dazu gesellt sich eine freundliche Altistin: Christina Otey. Im "Lux aeterna" taten sich die warmen Männerstimmen des Chors hervor.

Es ist ein langes, aber kein langweiliges Werk. Der Schluss "Libera me" stammt aus der Feder des italienischen Opernmeisters Giuseppe Verdi, dessen komplettes Requiem der Chor der Johanneskirche ebenso bereits aufgeführt hat. An dieses Requiem denkt man auch am Ende der Messe. Düster beginnt dieser Schlussabschnitt, der Chor flüstert zunächst. In diesem facettenreichen Finale verbinden sich Wucht und Feinsinn. Hell und klar heißt es am Ende: "Libera me" - "Rette mich, Herr".

Rund zwei Stunden dauerte diese "Messa per Rossini". Nach dem letzten Ton war es am Sonntag in der vollbesetzten Sindelfinger Johanneskirche ganz still. Dann setzte der brausende Applaus ein. Viele Menschen erhoben sich zum Applaus und bedankten sich so für eine Aufführung, die in Erinnerung bleiben wird.

 

 

 

Passionskonzert 2017 César Franck "Die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz"

César Franck (Bild: Pierre Petit)

Jubelnde Fortissimo-Höhen

Bernd Heiden (SZ/BZ)

Wegen des alljährlichen, die Fassungskapazitäten der Kirche regelmäßig sprengenden Andrangs in sein Passionskonzert gibt der Chor der Johanneskirche seit einigen Jahren schon vor dem Feiertag am Abend des Gründonnerstags ein zusätzliches, vorgezogenes Konzert in Sindelfingen.

Von drangvoller Enge konnte bei dieser ersten von zwei Aufführungen von César Francks Oratorium "Die sieben Worte Jesu am Kreuz" dann keine Rede sein. Es gab noch etliche freie Plätze. Was seine Vorteile hatte: Die bei Ausverkauf staubtrockene Akustik der Kirche gab sich nun deutlich gehaltvoller. Das kam nicht zuletzt den Gesangssolisten zupass, von denen César Franck für sein Werk gleich fünf Stück fordert. Aber auch sonst ist das Werk groß dimensioniert mit komplettem Bläsersatz, darunter drei Posaunen und eine Harfe.

Womöglich ein Grund dafür dass das auf das Entstehungsdatum 1859 datierte, aber lange völlig unbekannte und erst Mitte der 1950er Jahre aufgefundene Werk nicht allzu häufig  auf dem Konzertkalender steht. So dauerte es auch 22 Jahre, bis das Passionsoratorium nach seinem Auftauchen 1977 erstmals wieder aufgeführt, womöglich sogar uraufgeführt wurde. Denn von einer Aufführung zu Lebzeiten des 1890 verstorbenen, die Entwicklung der französichen Musik über die Orgelromantik, bis hin zum Impressionismus maßgeblich beeinflussenden César Franck ist nichts bekannt.

Trotz großem Aufführungsaufwand, Dirigent Michael Kuhn hatte an der Besetzung nicht gespart. Freilich waren einige Stimmen im Johanneschor mehr als zu gewöhnlichen Konzerten gefragt. Während die zwei größten Gesangssolopartien des Soprans, geschmeidig gesungen von Judith Seitter und des Tenors - mit Reichweite Reto R. Rosin - mit Profis besetzt waren, übernahmen drei Choristen die kleineren, aber keineswegs mageren Solorollen.

Als zweiter Tenorsolist macht dabei Irmfried Schmidt auch im im Duo mit seinem Profikollegen "bella figura" und bewegt sich durchaus auf Augenhöhe, Rolf Stäbler singt souverän den Solobass, der ausreichend Format mitbringt für die nicht gerade geringen Raumdimensionen. Auch Wolfgang Scheuermanns Bariton behauptet sich, wenngleich eine kleine Episode seiner Solopartie etwas tief liegt.

Als ob ihre solierenden Chorkollegen Ansporn seien, präsentiert sich auch der Johannes-Kirchenchor in reifer Verfassung. Mühe scheint dem Ensemble das Stück jedenfalls nicht zu bereiten, obwohl durchaus Extreme gefragt sind. Denn Franck hat sich sehr auffällig um Variantenreichtum in dieser Passionsmusik bemüht. Das verrät schon seine Textzusammenstellung.

Wohl nicht zuletzt um Musikmonotonie zu vermeiden, ergänzt er die sieben in den Evangelien erwähnten Jesusworte um Texte aus dem Alten und Neuen Testament, dem mittelalterlichen Marien-Klagegedicht "Stabat Mater" und der Karfreitagsliturgie, den sogenannten Improprien. Damit bleibt das Werk grosso modo getragen, überrascht aber mit gewaltigen dramatischen Ausbrüchen, die im fünften Wort fast stilfremd, wie ein eruptiver Verdi-Opernchor daher kommen. Die Kraft- und Machtstellen bringt der Chor überwältigend, ohne kopflos zu werden, in den vielen lyrischen Passagen zaubert das Ensemble gar manch Decrescendo hin und dank der nicht alltäglichen akustischen Rahmenbedingungen entfaltet der Piano-Klang Tragfähigkeit.

Auch wenn hie und da die Akkordreinheit optimierbar bleibt, für Augenblicke Klangausbuchtungen eine ansonsten ausgewogene und kompakte Stimmenbalance etwas irritieren, es ist eine sehr ansprechende Vorstellung, die der Johannes-Kirchenchor liefert. Die größte Irritation verursacht denn auch keine aufführungstechnische Frage, sondern das Werk selbst. Denn im Abschlusssatz schraubt sich der ohnehin sehr mächtige Tenor Reto R. Rosin wie im Opernfinale in so enorme wie jubelnde Fortissimo-Höhe, als ob schon die Auferstehung gefeiert würde, gewöhnungsbedürftig angesichts einer langen Tradition der Passionsvertonung mit ihren leisen, demütig bis traurig-tröstlichen Schlüssen.

Das Orchester an der Johanneskirche, ein überwiegend mit Laien besetztes Ensemble, dürfte bei dieser romantischen Musik zwar mehr Atem in seine Linien bringen und gerade den Anfang deutlich behutsamer gestalten, spielt insgesamt aber sehr solide und offenbart in kammermusikalischen Passagen, dass im Orchester fähige Instrumentalisten sitzen.

 

 

Jahreskonzert 2016 Mendelssohn Bartholdy "Elias"

Alter Klassiker strotzt vor Spannung

Sindelfingen: Michael Kuhn dirigiert Mendelssohn-Oratorium „Elias“ in der Johanneskirche / Verstärkter Chor mit wohl dosierter Stimm-Macht.

Von Bernd Heiden (SZ/BZ)

Mit "Elias" von Felix Mendelssohn Bartholdy hatte sich der Chor der Johanneskirche Sindelfingen verstärkt um Stimmen des Chors der Pauluskirche, einen der Klassiker der Oratorienliteratur vorgenommen. Mit dem Orchester der Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach und den Gesangssolisten wurde es unter Leitung von Michael Kuhn eine bemerkenswerte Aufführung.

Die Figur fing den Komponisten Mitte der 1830er Jahre an zu faszinieren. Nicht nur stark und eifrig, nein auch als böse, zornig und finster stellte sich Mendelssohn den alttestamentarischen Propheten Elias vor, wie aus einem Brief hervorgeht.

Das vermutet freilich verniedlichend an. Für einen wie Elias würde sich heutzutage der internationale Strafgerichtshof interessieren und wohl zu lebenslänglich verurteilen aufgrund dieser Anweisung: "Greift die Propheten Baals, dass ihrer keiner entrinne, führt sie hinab an den Bach, und schlachtet sie daselbst!" fordert Elias in Mendelssohns Oratorium und das Volk leistet Folge. 450 sollen laut biblischer Überlieferung dem Blutrausch zum Opfer gefallen sein.

 

Regen nach Priestermord

 

Diese Szene ist Folge eines inszenierten Gottesbeweises, bei dem Baal seinen Existenznachweis schuldig bleibt, Jehova sich dadegen mit Feuerstrahl meldet. Dieser dramatische Höhepunkt ist im Oratorium Folge eines Glaubensabfalls der Isreliten, die im Augangsszenario unter Dürre leiden. Im Nachgang zum Priestermord kommt auf Elias Bitte schließlich der ersehnte Regen.

Im zweiten Teil wendet sich Volkes Zorn gegen Elias, der flieht. Von seiner folgenden Mutlosigkeit kurieren ihn diverse Engel, Elias erlebt wieder eine Epiphanie und tritt erneut gegen den Götzendienst an. Der Prophet ist bereits gen Himmel entschwunden, als der nachgeschaltete Epilog die Ankunft des Messias ankündigt.

Letztlich gelingt unter der Gesamtleitung von Michael Kuhn eine der spannendsten und packendsten "Elias"-Versionen, die in der hiesigen Umgebung die letzten zwei Jahrzehnte aufgeführt worden sind. Das hat mehrere Gründe.

Der durch Paulus-Choristen (Einstudierung: Franz Neubauer) verstärkte Johannes-Kirchenchor hat die Stimm-Macht, um die Kraftpartien furchterregend zu entfalten. Aber die Chormittel werden unheimlich gut dosiert eingesetzt, die dramatischen Wegmarken dieses über zweistündigen Riesenstücks mit ihren Pianissimo-Tiefpunkten der Mutlosigkeit und ihren Furorgipfeln sind klar ausgeprägt und werden mit Überblick miteinander verknüpft.

 

Johannes Held singt Titelrolle

 

Ausgewogenheit zwischen Männer- und Frauenstimmen tut ein Übriges. Und auch wenn der sehr textverständlich singende Chor nicht die Klangfrische eines Jugendensemles anbieten kann, die versammelte Erfahrung schlägt sich nieder in meist punktgenauen Einsätzen. Gegenüber einer zum allergrößten Teil außerordentlichen Chorvorstellung fallen die drei vom Sindelfinger Chor gesungenen lieblichen Quartette und Terzette, darunter "Hebe deinen Augen auf" leider merklich ab.

Eine der Gründe ist auch "Elias"-Solist ist Johannes Held, der aus dem finster-eifrigen Propheten statt einer hölzernen Bibelfigur eine individuell fassbare Persönlichkeit formt mit vielen Psycho-Schattierungen: Um einen Elias zwischen diabolisch Höhnendem und mental Gebrochenem zu vermitteln, geht er auch große sängerische Risiken wie Annäherung an den Sprechbereich ein, füllt mit seinem Bariton in der Bassrolle im Übrigen ohne Forcierung mühelos die doch recht große Kirche.

Was auch für Anja Tschamler mit mildem, aber zum Energischen befähigten Sopran gilt, die ihre Rollen recht lebhaft ausformt. Ein wenig brav und emotionsarm daneben Judit Seitter als zweiter Sopran beziehungsweise Alt. Hubert Mayer präsentiert einen pressfreien Tenor.

 

Engagiertes Orchester

 

Nicht der letzte Grund für eine denkwürdige Elias-Aufführung: Die Vogtland-Philharmonie, die bei ihren vielen hiesigen Gastspielen oft nur routiniert klang, zeigt sich schon im subtilen Vorwärtsdrang der Einleitung wie ausgewechselt. Seine große Beweglichkeit bezeugt das Profi-Ensemble mit viel Nuancenfreude bis zum Ende.

Zudem passt sich das Orchester mit seinem schlagkräftigen Blechapparat sehr gut dem Gesang an. Vielleicht sind die Instrumentalisten auch mehr angespitzt als üblich. Denn erstmals stehen die Vokalsolisten nicht vor, sondern in der ersten Chorreihe hinter dem Orchester.

 

Fotos zum Konzert hier:

 

 

 

 


Karfreitag 2016 Passionskonzert Bach 'Johannespassion'

© Wikipedia

Johann Seb. Bach

Nicht nur der Anfang nimmt gefangen

 Von Jan Renz (Kreiszeitung Böblinger Bote)

 An jedem Karfreitag gibt der Chor der Evangelischen Johanneskirche Sindelfingen zur Todesstunde Jesu ein Konzert. In den letzten Jahren war das Interesse daran so groß, dass man 2015 die Generalprobe am Gründonnerstag der Öffentlichkeit zugänglich machte. Auch hier war der Andrang gewaltig. Deshalb behielt man dieses Modell in diesem Jahr bei: Das Konzert am Gründonnerstag begann um 20 Uhr, das am Karfreitag um 15 Uhr.

Dieses Mal erklang in der Johanneskirche ein gewichtiges Barockwerk: Die Johannespassion für Soli, Chor und Orchester von Johann Sebastian Bach, eine Herausforderung für jeden Chor. Bachs Werk endet mit der Kreuzigung Jesu, es macht also Sinn, es am Karfreitag aufzuführen.

Liturgin Gabriele Schnabel, Pfarrerin an der Johanneskirche, lud dazu ein, inne zu halten, zur Ruhe zu kommen und sich auf die Geschichte der Johannes-Passion einzulassen. Die Kirche war an diesem Abend gut besucht.

1723 zog Bach von Köthen nach Leipzig um, wo er die 27 Jahre bis zu seinem Tod 1750 verbringen sollte. Bald setzte er die Leipziger  mit einem Großwerk in Erstaunen: Am Karfreitag 1724 wurde in der Leipziger Nicolaikirche die Johannespassion uraufgeführt. Für den Bachforscher Christoph Wolff ist dieses zweistündige Werk ein Vorläufer der noch monumentaleren Matthäus-Passion, die eine Stunde länger dauert. Robert Schumann, Komponist und Kritiker, stellte allerdings die ältere Johannespassion über die Matthäus-Passion.

Die Handlung der Johannes-Passion beginnt mit der Gefangennahme Jesu und endet mit dem Erdbeben nach Christi Tod. Am Anfang der Musik steht ein düsterer Eingangschor, am Ende ein heller, zuversichtlicher Choral. Das zeigt schon: Dem Chor kommt in diesem aufwendigen Werk eine wichtige Rolle zu. Normalerweise gibt es heute die Tendenz, Bachs Vokalwerke mit einem kleinen, schlanken Chor aufzuführen. Ein großes Vokalensemble wie der Johanneskirchenchor kann dagegen das Monumentale des Werks unterstreichen. Und das tat er auch.

Der Anfang nimmt gefangen, schon vor der Festnahme Jesu, denn die Passion setzt mit einem suggestiven Chor ein: „Herr, unser Herrscher“, eine weite Linie. Das wogt mehr als fünf Minuten dahin: Schönheit und Schmerz gehen hier eine Verbindung ein. Das wurde eindringlich gesungen. Chorleiter Michael Kuhn, der Schönaicher Pianist, hatte sein Vokalensemble für die große Aufgabe gut vorbereitet, das wie gewohnt behutsam und vorsichtig den Notentext umsetzte. Der Verdienst des Chores: Er machte die Vielgestaltigkeit der Chornummern erlebbar. Keine ist wie die andere: Bachs Phantasie kennt keine Grenzen. Der Johanneskirchenchor sang einmal kontemplativ, dann dramatisch, einmal sanft und dann aufgepeitscht, einmal klang er verinnerlicht, dann war er außer sich. Und oft tönte er einfach warm und schön.

Zum ersten Mal war in der Johanneskirche ein Ensemble aus der Landeshauptstadt zu Gast: das Orchester der Stuttgarter Musikfreunde mit der Konzertmeisterin Christel Meckelein, die auch solistisch hervortrat. Es ist ein generationenübegreifendes Orchester. (Einstudierung: Klaus Kulling). 1949 gegründet, besteht es aus Musikern aus dem Großraum Stuttgart. Beim Eingangschor musizierte es mächtig, insgesamt sicher.

Die Passion ist für vierstimmigen Chor und vier Solisten gesetzt: Alexander Yudenkov übernahm die Evangelistenrolle und die Tenorarien. Er sang sehr energisch und ausdrucksvoll. Bernhard Hartmann überzeugte unlängst in der Böblinger Stadtkirche mit sonorem Singen. In Sindelfingen sang er den Jesus und die Bass-Arien, sehr elegant. Hartmann war der herausragende Solist der Aufführung. Er ist wie Alexander Yudenkov Mitglied im SWR Vokalensemble, einem Weltklassechor. Als Sopran war Kathrin Ziegler dabei. Klangschön begleitet von der Flöte sang sie das „Ich folge dir gleichfalls“ hell. Die kleinen Partien des Petrus und Pilatus gestaltete Wolfgang Isenhardt ansprechend. An der Orgel saß Andreas Kersten. Lyrisch klingt die Passion aus: „Ruhet wohl, ihr heiligen Gebeine“. Das will nicht enden. Das Publikum folgte dem Geschehen gebannt. Immer wieder war es in der Johanneskirche ganz still, besonders nach dem letzten Ton.  

Karfreitag 2015 Karl Jenkins 'Stabat Mater'

© Wikipedia

Karl Jenkins

Das Passionsgeschehen neu erlebbar gemacht

Von Jan Renz (Böblinger Kreiszeitung)

 Die Chöre von Johanneskirche und Pauluskirche haben mit der Stadtkapelle Sindelfingen das ‚Stabat Mater’ von Karl Jenkins aufgeführt

Das ‚Stabat Mater’ von Karl Jenkins erwies sich als wahrer Publikumsmagnet: Schon die zum ersten Mal öffentlich gemachte Generalprobe am Donnerstagabend war sehr gut besucht.. Übertroffen wurde sie noch einen Tag später: An Karfreitag gab es schon lange vor Konzertbeginn keine freien Plätze mehr in der geräumigen Kirche, trotz herrlichen Frühlingwetters. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass es ein ganz besonderes Konzert werden würde. In der Tat war es eine einzigartige Konstellation: Drei Sindelfinger Traditionsensembles trafen aufeinander. Der Chor der evangelischen Johanneskirche, der Chor der katholischen Pauluskirche und die Stadtkapelle Sindelfingen. Gemeinsam realisierte man das ‚Stabat Mater’ von Karl Jenkins, in der Bearbeitung von Frank Hänle für sinfonisches Blasorchester aus dem Jahr 2010...

Das ‚Stabat Mater’ von Karl Jenkins ist suggestive, geradezu rauschhafte Musik, die auf Anhieb gefangen nimmt, manchmal bewegt sie sich in Musicalnähe. Oft fühlt man sich in einen Film versetzt. Sie spricht auch weniger geübte Hörer an. Avantgardisten rümpfen vielleicht die Nase: Diese Musik sei zu glatt und gefällig, keine zeitgemäße Kunst. Aber die Aufführung gab Michael Kuhn recht. Die Wucht und Schönheit vo Jenkins’ Musik traf den Hörer unmittelbar. So wurde das Passionsgeschehen auf neue Weise erlebbar...

Es beginnt mit den lateinischen Worten: „Es stand die Mutter schmerzerfüllt neben dem Kreuz in Tränen“. Dieser Anfang gehört den hohen Holzbläsern. Die Choristinnen und Choristen (über 100) singen mit monumentalem Sound und füllen die Johanneskirche mit ihrem Klang, auch die Feinheiten übergeht man nicht.

Die Stadtkapelle, von Stadtmusikdirektor Markus Nau, machte ihre sache ausgezeichnet und musizierte ganz zuverlässig. Dieses Ensemble ist in der Region sehr gefragt, weil es sich in den letzten Jahren ein außerordentliches Niveau erarbeitet hat. Um vom klanggewaltigen Orchester nicht übertönt zu werden, wurde der Johanneskirchenchor durch den Chor der Sindelfinger Pauluskirche ergänzt. Ihne hatte Franz Neubauer vorbereitet. Zusammen gelang den Ensembles eine eindringliche, farbenreiche, fesselnde Deutung. Dieses Oratorium schlägt Brücken: zwischen Menschen, Stilen, Kulturen und Sprachen. Das zeigt sich am Text: in ihm wechseln sich Latein, Englisch, Arabisch, Aramäisch und Hebräisch ab. Dieser Vielfalt entspricht Jenkins’ Musik.

Zu Gast in der Johanneskirche war eine Ethno-Sopranistin aus Istanbul: Arzu Gök, die in ihrer türkischen Heimat schon einige Preise erhalten hat. Ihre Riesenstimme umfasst vier Oktaven ! Sie sang sowohl den ethnischen wie auch den klassischen Teil: dunkel und emotionsgeladen. Ihr erster Einsatz ist eine Anrufung auf Arabisch. Sie hatte ein großes Pensum zu bewältigen und berührte damit sehr...

Im letzten Teil des Werkes wird die „Herrlichkeit des Paradieses“ musikalisch umgesetzt...Am Ende, nach 90 Minuten Text  (Pfarrerin Gabriele Schnabel) und Klang, gab es für die Ausführenden stehende Ovationen.